Stellungnahme zur Arbeit von Go&Change

von Estherina De Stefano

Das zerstreute Missverstehen der Gemeinschaft Go&Change berührt mich tief. Dass dies in mir befreundeten Gemeinschaften der Fall ist, macht mich traurig.

Deshalb trage ich zu Klärung bei, wo und wann auch immer ich kann. Ich werde ab Dezember diesen Jahres zur Gemeinschaft Go&Change ins Kloster nach Lülsfeld ziehen.

Ich habe vor etwas mehr als einem Jahr meine Gemeinschaft verlassen, weil sie sich von Menschen abgrenzt, die für mehr Liebe gehen, als sie selbst bereit dazu ist. Das widerspricht dem Wert des Friedens, den sie sich selbst auf die Fahne geschrieben hatte. Diese Lüge habe ich verlassen.

Dem ZEGG fühle ich mich sehr verbunden und beobachte die gleiche Dynamik.

Die Frage nach gutem Zusammenleben unter Menschen ist heute relevanter denn je, weil wir in einer Zeit leben, in der es für das Überleben der menschlichen Spezies ausschlaggebend sein wird, ob das Potential der Menschengemeinschaft über ihren Selbstzweck hinaus zur Entfaltung kommt.

Freiwillig und selbstbestimmt miteinander eingegangene Lebensgemeinschaften bieten die Möglichkeit, nach den entscheidenden Voraussetzungen für ein gelingendes und friedliches Miteinnader zu fragen. Die Antwort darauf liegt bereits aufdringlich auf dem Tisch: Zurzeit spalten sich unzählige Gemeinschaften in mindestens zwei Lager, genau so wie die gesamte Gesellschaft. Es herrscht längst Krieg in und unter den Menschen, und wenn er weiter externalisiert wird, wissen wir alle, wo es enden wird. Spätestens dann kann der Krieg in und unter uns nicht mehr geleugnet werden. Das heisst, dass selbsternannte alternative Lebensmodelle gerade durch das aktuelle Weltgeschehen geprüft werden, ob sie tatsächlich ein alternatives Gesellschaftsmodell verkörpern oder eben nicht. Schaffen sie Krieg oder Frieden?

Entsteht also in einer Gemeinschaft nichts Neues, was sich über den Mainstream hinaus in Richtung Frieden bewegt, bestätigt sich, dass über den Selbstzweck hinaus kein Potential zur Entfaltung kommt und somit die Gemeinschaft dem Frieden auf der Welt nicht mehr dient, als wenn es sie nicht gäbe.

Go&Change ist die erste mir bekannte Gemeinschaft, welche die Lage ernst genug nimmt und den Krieg in und unter den Menschen konsequent aus Liebe beendet.

Das ZEGG hat beste Voraussetzungen, um von der Erfahrung dieser gelingenden Gemeinschaft zu lernen und an den Stellen über Barrieren hinauszuwachsen, wo sie dies noch nicht getan hat. Dass Achim und Ina diese Verbindung unter den beiden Gemeinschaften trotz aller Widerstände aufrechterhalten, ist einer der grössten Liebesakte, die ich in der Gemeinschaftsbewegung kenne.

Sie halten mit ihrer Gruppe, den ZEGG-Lichtern, damit einen Friedensraum aufrecht, in dem verifiziert werden kann, dass das ZEGG entsprechend dem Gründungsimpuls ein wahrhaftiges alternatives Gesellschaftsmodell ist, welches als Leuchtturm in der Gesellschaft Orientierung bietet.

An dieser Schlüsselstelle zeigt sich die Notwendigkeit eines Kohärenz stiftenden Ordnungsprinzips in Form eines gemeinsamen Herzensanliegens, welches von allen Mitgliedern verfolgt wird. Wenn Liebe der höchste Wert einer Gemeinschaft ist und somit ihr Herzensanliegen, sollte sich dann nicht im Verhalten der Mitglieder zeigen, dass das Anliegen jederzeit als Orientierung dient?

Auch wenn ein gemeinsames Anliegen bei der Gründung oder Neuausrichtung von Gemeinschaften im Zentrum steht, hat sich bei allen mir bekannten Gemeinschaften das Muster gezeigt, dass nicht sorgfältig genug überprüft wird, ob von den einzelnen Mitgliedern das Kernanliegen in der Tiefe verkörpert oder zumindest authentisch angestrebt wird. So entstanden wertverwässernde Gruppierungen, welche im Kleinen dann oft nichts anderes als ein Abbild der Gesellschaft sind, sich aber in der Illusion wähnen, ein alternatives Gesellschaftsmodell zu sein.

Go&Change hat das gemeinsame Anliegen von Anfang an als Bedingung gesetzt und konsequent gewahrt. Der höchste Wert ist Liebe. Alles was der Liebe im Wege steht, wird hier im Gemeinschaftskollektiv sichtbar und kann geheilt werden, wenn man will. Ob man das will, zeigt sich im konkreten Umgang mit dem, was als Hindernis sichtbar wird. Wer zu Ende liebt, was der Liebe im Wege steht, verfolgt das gemeinsame Anliegen. Wer das nicht tut, verfolgt es nicht. Wenn Wahrheit sein darf, also die Tatsache, dass nicht alle wahre Liebe wollen und sie noch immer mit Scheinfrieden verwechseln, dann wird es von Anfang an möglich, echten Frieden zu erhalten, ohne in eine spätere Spaltung hinein zu geraten.

Die meisten Menschen wollen nicht wahrhaben, dass in ihnen Krieg herrscht und halten bis zuletzt daran fest, bis der Krieg im Verhalten offensichtlich wird. Ich habe aufgehört wegzuschauen. Wenn geliebte Menschen Krieg führen wollen, sage ich meine Meinung dazu, liebe sie weiter und grenze mich von ihrem Verhalten ab. Das gehört zusammen. Ich biete Orientierung an den Stellen, wo Menschen aufgeben können, ihr falsches Selbstbild aufrechtzuerhalten, wo sie aufhören können, sich weiterhin selbst zu belügen und zu behaupten, in ihnen herrsche der Krieg nicht, den sie ausagieren. Ich will, dass es um mich herum nicht mehr gefährlich ist, mit sich selbst und dem Leben ehrlich zu sein. Diese alte kollektive Gefahr ist nicht mehr wahr unter Menschen, die sich für Vertrauen entscheiden. In dieser Entspannung kann an der Stelle neu entschieden werden, wo der Krieg beendet wird und durch die Entscheidung für Frieden auch wirklich Frieden einkehren.

Diese Momente des inneren Sterbens konnte ich als Einzelperson oft nicht leicht alleine in mir halten. Sie waren aber stets Portale in mehr Lebendigkeit, Freude und Konstruktivität. Ich habe bei Go&Change Menschen gefunden, die keine Angst vor der Wahrheit haben und bestrebt sind, sie immer mehr aufzudecken und dabei alles zu fühlen, was aufkommt. In Gemeinschaft geht es sehr viel leichter als alleine - aber nur, wenn man will. Wenn die Angst vor dem Sterben der falschen Selbst- und Weltbilder soweit abnimmt, dass man an der richtigen Stelle aufgeben kann, zieht das volle Leben ein, wonach sich die meisten Menschen in der Tiefe sehnen. Darüber hinaus wird endlich die Kapazität frei, welche die Welt von uns braucht. Wir hören dann auf, uns vom verleugneten Krieg unter den Menschen energetisch aufgefressen zu fühlen. Die konstante Offenheit füreinander, nährende Kohärenz im alltäglichen Zusammensein, freudige Tatkraft und die grundlegende Intimität mit dem Leben wird dann wieder zur Wirklichkeit. So kann die Erde frei von menschlicher Kompensationszerstörung werden und wieder heilen.

Ich gehe für diese wahre Alternative, die ich zu Gunsten des Friedens auf der Welt allen Menschen noch zu Lebzeiten wünsche. Wer die Schönheit der vielen inneren Tode kennt, kann immer mehr die Liebe von sich heraus aktiv ergreifen - ohne Angst, es nicht aushalten zu können. Ich wünsche mir von allen Menschen, die dazu nicht bereit sind, zumindest, dass sie die Menschen, die es sind, nicht aus Feigheit destruktiv daran hindern.