Eine neue Kultur aufbauen

Zwischenbericht von Christa Dregger nach 30 Jahren ZEGG anhand aktueller Ereignisse im ZEGG und der integralen Szene

Im Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung, ZEGG, das in diesem Jahr 30 Jahre lang besteht, gibt es derzeit heftige Diskussionen. Anlass ist die Kooperation mit der Gemeinschaft Go&Change sowie die Sommercamp-Teilnahme des integralen Buchautors Emil Friis. Die unversöhnliche Art, mit der der Konflikt ausgetragen und andere Netzwerke dazu instrumentalisiert werden, spiegelt in meinen Augen den Stand einer jahrzehntelangen Bemühung um den Aufbau einer Friedenskultur – und seiner nie schlafenden Gegenkräfte. Ich möchte meine Sicht hinzufügen, eine geschichtliche Perspektive aus 38 Jahren Gemeinschafts- und Diffamierungserfahrung.

Zunächst einmal: Ich liebe das ZEGG als einen der Orte, an dem ich in meinem Leben Heimat erfahren habe und auf dessen Gründung ich sehr stolz bin. Hier lebten und leben immer noch einige Menschen, die mit mir gemeinsam an der Erfüllung eines großen Traums arbeiteten und dafür durch tiefste Täler und über höchste Freudegipfel gegangen sind. An vielen Orten des Platzes hängt Erinnerung. Es lebt sehr viel Schönheit im ZEGG, immer noch. Gleichzeitig ist mir die Gemeinschaft auch fremd geworden. Positiv gesagt, hat sie ihren eigenen Weg genommen, eine Antwort auf die Krise des Systems zu sein. Ich finde aber auch, dass sie sich an einigen Stellen zu sehr am Mainstream orientiert und angepasst hat. Sie hat dem Trend aller Gemeinschaften hin zu einer sozialen Entropie, einer Rückverbürgerlichung nur hier und da standgehalten. Der Druck ist groß, und dass man ihm nicht immer standhält, ist verständlich. Aber ich kenne das ZEGG auch als eine Gemeinschaft, die sich immer wieder eine Öffnung erhalten hat gegenüber dem evolutionären Impuls, weiterzugehen und ein wirklicher Beitrag zur globalen Heilung zu sein. An diese Kraft möchte ich appellieren.

Ich lebe seit 38 Jahren in Gemeinschaft, davon 4 im ZEGG, 18 in Tamera/Portugal und seit einigen Monaten in der recht jungen Gemeinschaft Go&Change. Als Journalistin habe ich darüber hinaus schätzungsweise 100 weitere Gemeinschaften in vielen Kontinenten besucht und über sie berichtet, für das Global Ecovillage Network (GEN) gearbeitet und viele Gruppen auf ihrem Weg in Gemeinschaft begleitet. Ich habe also über ein halbes Leben lang meinen Einsatz für den Aufbau einer neuen Kultur geleistet. Eine „Neue Kultur“ – das war das Motto (und ein Buchtitel von Dieter Duhm), das mich vor 38 Jahren in die damalige Bauhütte gezogen hat, die Dieter Duhm, Sabine Lichtenfels und Charly Rainer Ehrenpreis gegründet hatten. Wir wollten eine Kulturalternative aufbauen, die auf Liebe, Wahrheit und Vertrauen beruht und wo Verstellung, Angst, Gewalt, Machtmissbrauch keinen evolutionären Vorteil mehr haben. Ein Kerngedanke war: Umweltkrise und Inweltkrise sind zwei Seiten derselben Katastrophe. Der Krieg, den wir im Äußeren sehen, ist mitten unter uns. Um ihn im Äußeren wirklich zu beenden, müssen wir ihn im Inneren – in uns und aneinander – wagen zu sehen und zu beenden. Dafür müssen wir bereit sein, immer wieder neu unsere Komfortzonen – und dazu gehören Machtpositionen, Identifikationen und Privilegien – zu erkennen und zu verlassen. Uns war damals klar, wir müssen uns dazu mit den Tabuthemen beschäftigen: Liebe, Sex, Macht, Geld, Familie, Geburt und Tod. Dazu brauchen wir eine Gemeinschaft, die sich an den wesentlichen Stellen nicht in Ruhe lässt.

Das taten wir. Niemandem von außerhalb hätte ich damals das extreme Leben erklären können, das wir dafür führten. Wir arbeiteten hauptsächlich mit dem kollektiven menschlichen Weltenstoff, wie er sich in uns selbst als ganz normalen Stellvertretern einer Zerstörungskultur angesammelt hat, machten ihn voreinander sichtbar, schauten uns jede Unwahrheit, jede Ängstlichkeit, jede Destruktivität gemeinsam an, fühlten den Schmerz noch einmal, der zu ihrer Ausprägung geführt hatte, und versuchten, sie durch eine liebevolle Haltung zu ersetzen. Wir boten sozusagen der Matrix von Angst und Gewalt in uns selbst die Stirn, um freizulegen, was darunter war: das aufrichtige, integre, liebende Ich. Jeder blinde Fleck, jede Abstumpfung, jede Destruktivität, die wir wieder neu in Liebe gefühlt und zu uns genommen hatten, stärkte unsere Zuversicht, auf dem richtigen Weg zu sein. Diese Freude teilten wir auch mit anderen, denn schließlich sahen wir diese Arbeit nicht als Privatangelegenheit, sondern als politische Aufgabe. Wir sahen uns als Heilungsimpuls, als „Heilungsbiotop“, als Modell für eine gesunde Gesellschaft.

Kein Wunder, dass das System sich dagegen wehrte. Jede Raupe in ihrer Verpuppung betrachtet die ersten Schmetterlingszellen als Feinde, sein Immunsystem bekämpft sie – bis der Schmetterlingsimpuls irgendwann stärker wird und siegt. Ähnlich funktioniert auch das gesellschaftliche Immunsystem. Aber die Härte, mit der es uns traf, überraschte uns doch.

Die Bauhütte und später das ZEGG und auch Tamera erhielten einen unglaublich schlechten Ruf. Öffentliche Auftritte wurden gestört oder kurzfristig abgesagt, teilweise verboten. „Sekte“, „Psychogruppe“, Missbrauch von Kindern, Kindesentführung, Machtmissbrauch, Gurustrukturen, Gruppendruck – es gab keine Vorwürfe, die das gesellschaftliche Kollektiv uns nicht gemacht hatte. Für mich besonders verletzend: Nicht nur konservative Kreise, Boulevardpresse und Sektenpfarrer bekämpften uns. Sondern am heftigsten die Szene, aus der ich selbst kam: alternative, grüne, feministische Gruppen und linke Presse. Ich selbst fand als Journalistin kaum noch Aufträge, wurde in den 90ern bei Veranstaltungen in Berlin identifiziert und mit Beschimpfungen regelrecht verfolgt.

Zu Anklagen geschweige denn Verurteilungen kam es kein einziges Mal. Wie auch, sämtliche Vorwürfe waren haltlos. Es war uns klar, dass sich hier die kollektive Komfortzone, das Raupen-Immunsystem mit aller Kraft gegen seine Erneuerung wehrte. Wir hielten stand, trugen aber Narben davon. Einige Mitstreiter*innen haben das Projekt ganz verlassen. Viele blieben äußerlich dabei, knickten aber hier und da etwas ein und dann etwas mehr und noch mehr: Man wollte nicht mehr ganz so weit gehen. Nicht jeden Stein umdrehen. Nicht in jeden traumatisch-blinden Fleck schauen. So hatte der große Traum von einer neuen Kultur einen ersten Knick bekommen.

Als wir 1991 das ZEGG gründeten, hatten wir die Idee, eine große Gemeinschaft mit alternativer Universität aufzubauen, wo die neuen Kulturerfahrungen gemacht, geteilt und mit anderen Erfahrungen öffentlich abgeglichen werden konnten. Ein Schmelztiegel für eine neue Kultur, ein echter Transformationsschmiedepunkt, und das meinten wir durchaus ernst: Das ZEGG war als Ort gedacht, der seine Inhalte lebte, ausprobierte und weiter entwickelte – als Gemeinschaft und gesellschaftliche Alternative, die auf wahrhaftiger Innenarbeit beruht. Wir gingen davon aus, dass es genau das war, was die Welt brauchte.

Von Tag 1 an wurden wir dafür hart angegriffen. Sektenpfarrer, Autonome, Sensationsjournalisten, selbst ernannte Radikalfeministinnen warfen uns permanent Menschenrechtsverletzungen und Machtmissbrauch vor. Sämtliche Vorwürfe waren haltlos, meistens waren diejenigen, die sie erhoben, nie vor Ort gewesen. Aber sie bezogen sich auf ein unbewusstes kollektives Bild in unseren Köpfen, das wirkte, auch wenn Menschen wussten, dass die Vorwürfe falsch waren. Sie triggerten Angstpunkte in ehemaligen Verbündeten, alten Freunden, Familie. Ich glaube, viele von uns verloren in dieser Zeit den Schneid und die Freude. Es kam zu zahlreichen Krisen und Auseinandersetzungen, von denen ich im Nachhinein sehe, dass sie alle einen Inhalt hatten: Wollen wir trotz all des Gegenwindes konsequent bei unserem Vorhaben bleiben oder uns nicht doch hier und dort anpassen?

So kam es, dass die Gründer des Projektes – Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels, die selbst nie im ZEGG lebten, aber regelmäßig kamen, um es zu unterstützen oder für Veranstaltungen zu nutzen – sich nach einigen Jahren nicht mehr willkommen fühlten. Viele der ursprünglichen Gemeinschaftsmitglieder hatten sich andere, leichter verdauliche und anerkanntere Lehrer und Wege gesucht.

Nach etwa 4 Jahren kam es zur großen Trennung: Diejenigen, die mehr Vertiefung, mehr Abstand zur Gesellschaft suchten, verließen das ZEGG und gingen in das gerade gegründete Tamera. Zu diesen gehörte auch ich. Diejenigen, die sichtbar mitten in der Gesellschaft eine Alternative aufbauen wollten – und dabei notwendigerweise auch Anpassung in Kauf nahmen - blieben im ZEGG.

Das ZEGG behielt trotz aller Anpassungstendenzen die Möglichkeit authentischer Begegnung, Auseinandersetzung und – im bescheideneren Maße – auch gemeinschaftlicher Innenarbeit. Das ließ den Ort weiterhin erstrahlen. Daran haben auf ihre Weise alle Menschen mitgewirkt, die seit langer Zeit das ZEGG tragen und gestalten. Ganz besonders trugen dazu wechselnde kleinere Gruppen von Menschen bei, die dafür standen, den Anfangsimpuls fortzusetzen und zu erneuern. In ihrer Mitte blieben in all den Jahren zwei Menschen trotz aller Schwierigkeiten und Angriffe stehen: Achim Ecker und Ina Meyer-Stoll. Sie übernahmen keine offizielle Leitungsfunktion, aber bildeten Generationen von Gruppenleitern und Verantwortungsträgern aus, erforschten mit sich und ihren engsten Freunden authentisch, was es bedeutet, in Wahrheit zu leben, knüpften Freundschaften mit anderen Lehrern und Gemeinschaften und waren eine Orientierung für viele andere.

Daneben gab es den Trend zur Sozial-Entropie. Größere und schönere Wohnräume wurden vielen wichtiger als ehrliches und herausforderndes Zusammensein. Lebensentscheidungen wurden weniger mehr gemeinschaftlich, sondern privat getroffen. Auch Liebesbeziehungen wurden immer mehr Privatsache. Wichtige Entscheidungen übergab man – nach einer frustrierenden Phase der Basisdemokratie – einer soziokratischen Struktur mit einem professionellen Management, das teilweise gar nicht mehr selbst in der Gemeinschaft lebte. Und viele ZEGG-Mitglieder fanden Nischen, in denen sie selbst als Seminarleiter tätig sein und Geld und Ansehen verdienen konnten – ohne eine Gemeinschaft, die wirklich hinschaute, ob sie nach ihren eigenen Standards auch lebten.

Ich selbst habe 18 Jahre in Tamera gelebt. Ich liebe Tamera über alles, ich liebe vor allem die Vision der Heilungsbiotope, wie vor allem Dieter Duhm und auch Sabine Lichtenfels sie formulieren und verkörpern. Und doch empfand ich ganz allmählich ähnliche Tendenzen wie im ZEGG. Sollte es unmöglich sein, diesen Traum einer neuen Kultur zu verwirklichen?

In dieser Zeit lernte ich gemeinsam mit einigen Freunden die Gemeinschaft Go&Change kennen. Es war fast ein Schock, diese recht junge Gruppierung zu treffen, die in ähnlicher Tiefe und Konsequenz arbeitete wie wir selbst in den Anfangsjahren. Hier erhielt ich nach all den Jahrzehnten endlich eine Wertschätzung für unsere Arbeit, die ich annehmen konnte, und in mir begannen langsam, alte Verletzungen zu heilen. Denn diese Menschen wussten, was Innenarbeit hieß, sie kannten die Herausforderungen und die Schönheit der Arbeit, uns als Menschen wieder füreinander zu öffnen, auch an den Stellen, wo wir weglaufen und nie mehr fühlten wollten. Es begann eine tiefe Zusammenarbeit und Freundschaft, ich fühlte mich getragen und unterstützt. Ich hätte selbst nicht damit gerechnet, aber mittlerweile lebe ich seit über einem halben Jahr bei Go&Change, ohne aber meine Liebe und Zugehörigkeit zu Tamera in Frage zu stellen.

Mich erwartete ein herausforderndes und oft anstrengendes Leben. Wir verbringen die meiste Zeit tatsächlich zusammen. Transparenz und Miteinander sind gelebtes tägliches Brot. Hier sind es nicht nur Worte, wenn gesagt wird: Lasst uns den Krieg in uns und unter uns auflösen. Wir konfrontieren uns an diesen Stellen, und das bedeutet nicht immer, nett oder sanft zueinander zu sein. Liebe ist nicht immer sanft, in Liebe konfrontieren wir uns mit allem, was uns von der Liebe trennt. Vor allem die Gemeinschaftsgründer Kai und Felix haben eine unglaubliche Treffsicherheit dabei, innere Dynamiken einer Gruppe zu spüren und anzusprechen. Ich bin ihnen dankbar dafür, dass sie mir aufs Neue zeigen, was es heißt, Grenzen zu setzen, auch meinen eigenen Gewohnheiten und Resignationsstellen gegenüber. Dafür scheuen sie sich auch nicht, ihre authentische Trauer oder Wut zu zeigen darüber, was für destruktive Strukturen sich Menschen angewöhnt haben und mehr oder weniger bewusst gegen alles verteidigen, was sie in Frage stellt. Doch in jedem einzelnen Prozess erinnern sie uns daran, dass wir einen Menschen niemals auf diese Strukturen reduzieren dürfen. „Wir haben Schatten, aber wir sind nicht die Schatten.“

Jeder Mensch hat die Möglichkeit, sich für Liebe und Wahrheit zu entscheiden. Dort, wo traumatische Erfahrungen uns nicht mehr fühlen lassen, wo sie blinde Flecken in uns geschlagen haben, da brauchen wir einander. Da brauchen wir das Vertrauen in andere, uns dort zu zeigen, was wir unbewusst tun. Und dann können wir ganz langsam beginnen, uns dort lieben zu lassen, wo wir uns selbst noch nicht wieder lieben können.

Go&Change ist eine Entwicklungsgemeinschaft, das bedeutet, sie will sich weiterentwickeln zu immer mehr Liebe, Wahrheit und Bewusstsein, zu dem, was in der Welt gebraucht wird. Im Laufe ihres Bestehens haben sie manche Stufen auf diesem Weg genommen. Jede Stufe bedeutete auch eine Trennung von den Menschen und Strukturen, die diesen Weg nicht mitgehen wollten. Bildlich gesagt: Man kann keine Schatten mit ins Licht nehmen. Wer sich nicht von seinem Schatten, sprich seinen destruktiven Verhaltensweisen trennen wollte, musste die Gemeinschaft verlassen. Von den fast 70 Menschen hat sich die Gruppe zwischenzeitlich auf unter zehn reduziert. Einige besannen sich und begannen, ihre destruktiven Strukturen zu bearbeiten und kamen zurück, mittlerweile leben wieder etwa 30 Menschen im Kloster.

Ich kann mir sehr gut vorstellen und habe es selbst erlebt, dass eine so klare Ausrichtung jeden Schattenanteil in uns herausfordert und uns manchmal auch blindlings zurückschlagen lässt. Ich kenne das selbst: An diesen Stellen beginnen wir, diejenigen, die unseren Schmerz und unsere Destruktivität ansprechen, dafür verantwortlich zu machen. Ein Vorgang, der als Projektion altbekannt ist: Statt uns die Arbeit zu machen, uns noch einmal zu öffnen, unsere Verletzungen zu fühlen und uns an diesen Stellen zu korrigieren, wollen wir den Schmerz nur noch weghaben. Und das geht am besten, indem wir die bekämpfen, die ihn ansprechen. (An dieser Stelle noch einmal meine Hochachtung für die Menschen, die dies wissen und trotzdem stehen bleiben, sich unbeliebt machen und bekämpfen lassen – und trotzdem bei ihrer Wahrheit bleiben.)

Das ist für mich der Untergrund, auf dem auch die grotesken Beschuldigen entstanden – sowohl damals in der Bauhütte, als auch heute bei Go&Change. Um es klar zu sagen: Ich lebe seit fast Anfang des Jahres hier und habe Zugang zu allen Räumen. Ich habe herausfordernde und wunderschöne Dinge erlebt, aber keine Übergriffe, keinen sexuellen Missbrauch, keine anderen Dinge, die meinen Werten widersprechen.

Die Gemeinschaft liebt und schützt Kinder in ganz besonderem Maße. Dass hier vor zwei Jahren zwei Kinder tragisch zu Tode kamen, war nicht die Schuld der Gemeinschaft, es waren tatsächlich zwei unglaublich traurige Unglücksfälle. Dass sich eine Gemeinschaft von so einer Tragödie erholen kann und den Betroffenen dabei hilft, ihren Schmerz zu verarbeiten, habe ich damals nicht geglaubt. Mittlerweile lebt auch die Familie des ertrunkenen Kindes wieder bei Go&Change, hat ihren Schmerz soweit es geht überwunden und vertraut der Gemeinschaft aufs Neue ihr anderes Kind gerne an, denn sie wissen, dass es hier in guten Händen ist.

Ein Vorteil der Go&Change Gemeinschaft im Vergleich zu vielen anderen ist ihre ökonomische Unabhängigkeit von Workshop- und Gästebetrieb. Mittlerweile merken viele andere Gemeinschaften, dass diese Abhängigkeit im Laufe der Zeit zu einer zunächst unmerklichen, dann immer stärkeren Anpassung und Korrumpierung ihrer Werte führt.

Ich erwähne diesen Verlauf deshalb so ausführlich, weil wir in einer Zeit leben, wo Gemeinschaften so stark gebraucht und gesucht werden wie noch nie, aber wo auch viele Gemeinschaften scheitern. In unserer gemeinschaftsübergreifenden Kooperation arbeiten wir an einer Art evolutionärem Kern der Gemeinschaftsbewegung, der sich nicht anpasst, sondern in Liebe stehen bleibt und weitermacht mit der ursprünglichen Absicht.

Vor etwa einem Jahr baten mich meine alten Freunde Ina und Achim, sie bei der Ausrichtung des ZEGG-Sommercamps 2021 zu unterstützen. Seit anderthalb Jahren stehen wir in regelmäßigem Kontakt, unterstützen uns, spiegeln uns, helfen uns bei Engpässen und arbeiteten seit einigen Monaten zusammen.

Ich sagte gerne zu, das Sommercamp mit auszurichten. Es hatte das Thema: “Kulturwandel 2.1: Die Entscheidung”. Wir wollten soweit möglich den Geist konsequenter Innenarbeit beleben und luden entsprechende Redner ein.

Wir stießen auf die Bücher von dem Autorenkollektiv Hanzi Freinacht und ihre Vorstellung der Metamoderne und Gemeinschaftspolitik. Wir besuchten Emil Friis, einen der beiden Autoren, die hinter dem Namen Hanzi Freinacht stehen, in Berlin. Was uns für ihn einnahm, war seine Aussage, dass er als junger Theoretiker von unserer jahrzehntelangen Erfahrung im Aufbau von Gemeinschaft lernen wolle. Nach einem Besuch von ihm im ZEGG luden wir ihn und seine Partnerin ein, während des Sommercamps unsere Gäste zu sein. Er sollte einen Vortrag halten und an einem Podiumsgespräch teilnehmen.

In derselben Zeit boten uns unsere Freunde von Go&Change an, das ZEGG wie auch in den drei Jahren zuvor durch praktische Mitarbeit zu unterstützen. Durch die verschärften Corona-Bedingungen war es dem ZEGG allerdings diesmal nicht möglich, das Angebot anzunehmen. Wir luden statt dessen Felix Krolle, einen der Gemeinschaftsgründer, als Referenten zu einem Podiumsgespräch ein. Gemeinsam mit zwei Gemeinschaftsgefährtinnen von Go&Change war auch er eingeladen, beim ganzen Sommercamp da zu sein, eine von beiden half unentgeltlich als Übersetzerin. Zusätzlich hatten wir einige Freunde aus anderen Gemeinschaften eingeladen, als Stipendiaten teilzunehmen und uns an verschiedenen Stellen des Camps zu unterstützen. Dieser Entscheidung hat die ZEGG-Gemeinschaft und das Management ausdrücklich zugestimmt.

Es wurde in den Augen vieler das intensivste, inhaltsreichste und beste Sommercamp seit vielen Jahren. Das war nicht mehr die Festival-Wohlfühl-Atmosphäre der letzten Jahre, jedem wurde klar: Das ist alles ernst gemeint, denn wir leben in einer entscheidenden Zeit. Immer mehr Menschen wollen tatsächlich mit allen Fasern den globalen Krieg beenden und sind bereit, viel dafür zu geben.

Ein großer Magnet des Sommercamps waren neben den Vormittagsvorträgen die so genannten Wir-Räume: vier Abende eines neuen Formates der Gemeinschaftskultur, wie sie im ZEGG seit einigen Monaten gelebt wird. Es sind Zusammenkünfte mit einem klaren Leitungsteam, wo von jedem alles angesprochen, gespiegelt und zurück gespiegelt werden kann. Das große Interesse an diesen Räumen zeigte uns, dass deshalb die meisten Menschen eben doch noch ins ZEGG kommen: Weil sie authentische Kommunikationsräume wollen, wo Menschen einander zeigen und ein ehrliches Feedback erhalten, wo authentische Weiterentwicklung geschieht, an der auch die Gemeinschaft selbst beteiligt und herausgefordert ist. Wir erwarteten jeweils etwa 30 Leute, es kamen immer 80 bis 100, so dass wir für die Unterstützung von Felix und anderer Freunde sehr dankbar waren. Die Wir-Räume wurden die am meisten diskutierten, kontroversesten und lebendigsten Zusammenkünfte des Camps und prägten seinen Charakter entscheidend mit.

Mit Emil Friis hatten wir vereinbart, einen Vortrag zum Thema „Bewusstseinsevolution“ zu halten. Es dauerte Tage, bis er zu einem Vorbereitungsgespräch bereit war. Er entschuldigte sich damit, dass er starke Kopfschmerzen habe und ihm Ansammlungen von mehreren Menschen Stress bereiten. Das Vortragsthema wollte er so nicht aufrecht erhalten, den Teil des Buches hätte er nicht mitverfasst. Weder seine Kompetenz noch Dialogbereitschaft noch sein Nervenkostüm waren so, wie sie vorher erschienen waren.

Der Vortrag war dann zwar in Ordnung, doch es irritierte mich, dass jemand in einer Gemeinschaft, die seit 30 Jahren mit Leib und Seele an einer Alternative arbeitet, eine reine Theorie über dieses Thema als Lösung anbot. Im Nachgespräch sagte er zudem deutlich, dass er weder an der gemeinsamen Auseinandersetzung mit seiner Theorie noch an einer Kooperation mit Gemeinschaften Interesse hätte.

So hatten wir im Sommercamp zwei Richtungen: Auf der einen Seite Emil - ein reiner Theoretiker ohne Interesse an Auseinandersetzung und Kooperation, der sich zudem nicht an Vereinbarungen hielt – auf der anderen Seite mit Go&Change eine Reihe von Menschen, die uns seit Jahren intensiv und kompetent unterstützen – immer zuverlässig, immer ehrlich.

Zwischen Emil und Felix kam es auf dem Sommercamp zu einem Konflikt, auf den ich hier nicht näher eingehen möchte. Emil verbrachte daraufhin viel Zeit in seinem Zimmer und recherchierte im Internet über Go&Change. Als er wieder erschien, formulierte er seine Forderung: Statt der Teilnahme am Podiumsgespräch wolle er eine Erklärung gegen Go&Change verlesen. Wenn das ZEGG sich nicht öffentlich von Go&Change lossage, würde er diese Erklärung öffentlich in seinem ganzen Netzwerk verbreiten und auch das ZEGG dabei nicht schonen.

Wir wissen, dass es bei dieser Drohung nicht geblieben ist. Natürlich haben wir seine Teilnahme am Podiumsgespräch abgesagt, und nachdem er begann, seine Erklärung im ZEGG zu verteilen und Menschen gegen unsere Freunde aufzuwiegeln und davon trotz mehrmaliger Verwarnungen nicht abließ, haben wir ihn des Platzes verwiesen. Auch das dauerte zwei Tage, am Ende mussten wir sehr deutlich werden, bis er endlich ging.

Inzwischen wissen viele, wie die Situation weiterging: Emil schrieb seine Tirade gegen Go&Change und lässt sich in seinem Netzwerk als Held feiern, der es wagt, die Wahrheit zu sagen. Es gab Reaktionen und Gegenreaktionen – und gerade innerhalb der ZEGG-Gemeinschaft kam es zum gleichen Mechanismus, wie wir ihn aus der Anfangszeit kennen: Auch wenn aufmerksame Leser merken müssten, an wie vielen Stellen der Artikel aus reiner Projektion und Paranoia besteht, konnte er diese Paranoia doch in anderen schüren. Denn er spielt auf einer kollektiven Partitur, die wir schon seit unseren Anfängen kennen: An einer Stelle unserer selbst denken wir, dass es gefährlich ist, wirklich an einer Veränderung zu arbeiten. Und genau hier treffen uns die Paranoia-Perspektiven. Natürlich wissen fast alle, dass – weder damals im ZEGG, noch heute bei Go&Change – vergewaltigt, missbraucht und unterdrückt wird. Es werden keine Kinder entführt oder getötet. Aber allein das Bild trifft und erschreckt uns so, dass wir uns ganz schnell davon frei-waschen müssen. Damit wäre endlich wieder Ruhe in unserer Komfortzone des Nicht-Fühlens, glaubt dieser Teil in uns. Und dahin kommen wir, indem wir uns wieder an den Mainstream anpassen und die bekämpfen, denen das vorgeworfen wird.

Wir müssen uns eingestehen: Die neue Kultur, der authentische wilde Frieden, an dem wir seit Jahrzehnten arbeiten, hat Gegner. Er hat Menschen, die sich dagegen entschieden haben, weil es ihnen zu mühsam, zu bedrohlich erscheint – oder weil sie dabei ihre Privilegien verlieren. Auch Menschen, die früher mit uns darum gerungen haben. Wenn wir das aussprechen, ernten wir Hass. Ist nicht allein dieser Hass ein Zeichen dafür, dass wir darüber einmal nachdenken müssten?

Unsere Zusammenarbeit als jahrzehntelange Gemeinschaftsmenschen mit Go&Change hat heute die Wirkung, die wir als ZEGG und Projekt Meiga vor 30 Jahren hatten: Überall wird über uns gesprochen, wir werden verunglimpft und ausgegrenzt, man fühlt sich als unser Opfer, hat einen gemeinsamen Feind und ist sich einig darüber, dass wir zu weit gehen. Das ist für uns manchmal unfassbar und schmerzhaft. Gleichzeitig sind wir sicher, dass es darunter eine andere Wahrnehmung gibt: Allein dass es uns gibt, dass wir nicht aufgeben und in Liebe und Aufrichtigkeit stehen bleiben, berührt viele Menschen und wird auf Dauer eine Wirkung haben.

Wir bleiben dabei, unsere Bereitschaft zum Gespräch mit allen auszudrücken, die ein konstruktiv Gespräch führen wollen. Und unser Interesse an einer Zusammenarbeit für eine neue Kultur mit allen, die sich wirklich berühren lassen wollen.